Chinas Wirtschaft: Forum-Prognosen fuer die naechste Dekade
Verfasst: 04.01.2010, 17:28
Zum Anfang der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts dachte ich, es koennte doch ganz interessant sein, die Prognosen der verschiedenen Forum-Mitglieder fuer die wirtschaftliche Entwicklung in China in den naechsten 10 Jahren zu sammeln.
Und somit mache ich gerne hier den Anfang. Ich sage offen, ich bin derzeit pessimistischer als zu irgendeiner Zeit, seit ich mich vor 15 Jahren angefangen habe, mit China zu beschaeftigen -- aber ich wuerde gerne abweichende Meinungen und Erfahrungen hoeren, denn wahrscheinlich sehe ich die Lage einfach etwas uebertrieben schlecht.
Auf ersten Anblick mag man sich fragen, wie ich ueberhaupt zu einer pessimistischen Einschaetzung kommen kann, denn es gibt doch so viel Positives;
* 8% Wachstum (und ewig gruesst das Murmeltier...)
* Vergleichsweise sehr gute, und sich stetig weiter verbessernde, Infrastruktur
* Krise scheinbar gut ueberstanden
* Trotz aller Kritik, so schlecht arbeitet die staatliche Buerokratie ja gar nicht
* Der Staat hat Handlungsfreiheit, dank foreign exchange reserves und Aussenhandelsueberschuss
Warum also nicht weiter so?
Nach meiner - hoechst subjektiven - Einschaetzung, hat China ein Stadium erreicht, wo sich alte Probleme zuspitzen und zunehmend an Bedeutung gewinnen; ausserdem hat sich die wirtschaftliche Ordnung leider eher schleichend zurueck- als vorwaerts entwickelt in den letzten 10-20 Jahren:
* Trotz aller Kampagnien der Partei werden Korruption und Vetternwirtschaft nicht geringer, sondern eine klare "Oberschicht" aus Kadern und deren Familien bereichert sich weiterhin und zunehmend auf Kosten des Staates;
* Komplexere Wirtschaftsbeziehungen beruhen auf Vertrauen - aber Vertrauen als Grundlage von (Geschaefts)beziehungen ist immer noch kaum moeglich; die Zerstoerung vieler Grundwerte durch die Kulturrevolution wirft weiterhin ihre langen Schatten;
* Die "liberale" chinesische Wirtschaft ist ein zunehmend falsches Bild aus der Vergangenheit - seit 1989 hat der Staat (oder, genauer, die Partei) wieder Stueck fuer Stueck mehr Einfluss und Kontrolle ueber die Wirtschaft zurueckgewonnen, und dieser Prozess dauert weiter an; totgeglaubte ideologische Methoden aus Maos Zeiten werden seit einigen Jahren wieder abgestaubt und eingesetzt (Selbstkritik und Gruppenkritik, etc.);
* Staatliche und halbstaatliche Unternehmen, oder Konglomerate von Sproesslingen aus politischen Dynastien, kontrollieren zunehmend alle Schluesselsektoren (ob Immobillien, Telekom, oder High-Tech); die Zeit der echten Unternehmer scheint vorrueber;
* Die im "Westen" trainierten Chinesen sind "Fremde im eigenen Land", und (noch?) sehr weit entfernt von den Stellhebeln der Macht; die Faeden werden gezogen von KP-Kindern der zweiten und dritten Generation, meist noch mit Narben der Kulturrevolution im Lebenslauf;
* Das Singapore-Entwicklungsmodell - von oben herab - wird sowohl auf zentraler Ebene, als auch in den meisten Provinzen, einem unternehmerischen Entwicklungsmodell klar vorgezogen (kein Wunder, da nur so Parteikontrolle sicher gewaehrleistet bleibt); eine Singapur-aehnliche "markwirtschaftliche Planwirtschaft" kann aber in einem riesigen Flaechstaat wie China mittelfristig nur scheitern;
* Die Welt-Finanz-und-Wirtschaftskrise wurde mit einem massiven Stimulus-Paket der Zentralregierung "ueberwunden". Viele der Gelder sind aber, durch ausschliessliche Kreditvergabe an grosse staatliche Unternehmen, fehlgeleitet worden -- entweder oekonomisch fehlgeleitet (unnoetige Kapazitaeten, Autobahnen ins Nichts) oder auch kriminell fehlgeleitet (private Immobilienspekulationen); die oft beschworene "bessere" Art des Stimulus - durch hoehere "Investitionen" in Bildung, Gesundheit und eine soziale Grundabsicherung - wird nicht kommen, da so die derzeitigen Nutzniesser liebgewonnene Kontrolle und Macht verlieren koennten;
* China droht steigende Inflation, zum einen durch den massiven Stimulus, zum anderen auch von aussen eingeschleppt durch den Waehrungskurs;
* Nicht nur in den Mega-Staedten, sondern auch in den Staedten zweiter und dritter Klasse hat sich eine massive Wohnimmobilienblase gebildet. Da aber die Verschuldung sich weniger bei den Endabnehmern angehaeuft hat (wie zuvor in den USA) sondern eher bei (halb-)staatlichen Immobilienentwicklern, und da auf Grund sozialer und psychologischer Faktoren die Nachfrage trotz lachhaft niedriger Mietrenditen weiterhin anhaelt, und die lokalen Regierungen und ihre Kader stark von den Immobiliengewinnen abhaengen, werden vermutlich Preise zunaechst noch weiter steigen (und somit weiterhin Gelder von der Mittelschicht von Konsum in Immobilienanlagen umgeleitet), bevor es irgendwann zu einem massiven Platzen der Blase kommt.
Fazit: Ich mache mir Sorgen, dass China wirtschaftlich in der naechsten Dekade auf ein "Lateiamerika"-Szenario zusteuert; Vetternwirtschaft, "License Raj", Partei-Kontrolle, und fehlende rechtstaatliche Mittel ueberwuchern und ersticken chinesisches Unternehmertum, Blasen platzen, das Wachstum verlangsamt sich, und Unzufriedenheit mit der neuen erblichen Ungleichheit macht sich breit.
So, jetzt ueberzeugt mich bitte, warum ich die Dinge viel zu negativ sehe!
Und somit mache ich gerne hier den Anfang. Ich sage offen, ich bin derzeit pessimistischer als zu irgendeiner Zeit, seit ich mich vor 15 Jahren angefangen habe, mit China zu beschaeftigen -- aber ich wuerde gerne abweichende Meinungen und Erfahrungen hoeren, denn wahrscheinlich sehe ich die Lage einfach etwas uebertrieben schlecht.
Auf ersten Anblick mag man sich fragen, wie ich ueberhaupt zu einer pessimistischen Einschaetzung kommen kann, denn es gibt doch so viel Positives;
* 8% Wachstum (und ewig gruesst das Murmeltier...)
* Vergleichsweise sehr gute, und sich stetig weiter verbessernde, Infrastruktur
* Krise scheinbar gut ueberstanden
* Trotz aller Kritik, so schlecht arbeitet die staatliche Buerokratie ja gar nicht
* Der Staat hat Handlungsfreiheit, dank foreign exchange reserves und Aussenhandelsueberschuss
Warum also nicht weiter so?
Nach meiner - hoechst subjektiven - Einschaetzung, hat China ein Stadium erreicht, wo sich alte Probleme zuspitzen und zunehmend an Bedeutung gewinnen; ausserdem hat sich die wirtschaftliche Ordnung leider eher schleichend zurueck- als vorwaerts entwickelt in den letzten 10-20 Jahren:
* Trotz aller Kampagnien der Partei werden Korruption und Vetternwirtschaft nicht geringer, sondern eine klare "Oberschicht" aus Kadern und deren Familien bereichert sich weiterhin und zunehmend auf Kosten des Staates;
* Komplexere Wirtschaftsbeziehungen beruhen auf Vertrauen - aber Vertrauen als Grundlage von (Geschaefts)beziehungen ist immer noch kaum moeglich; die Zerstoerung vieler Grundwerte durch die Kulturrevolution wirft weiterhin ihre langen Schatten;
* Die "liberale" chinesische Wirtschaft ist ein zunehmend falsches Bild aus der Vergangenheit - seit 1989 hat der Staat (oder, genauer, die Partei) wieder Stueck fuer Stueck mehr Einfluss und Kontrolle ueber die Wirtschaft zurueckgewonnen, und dieser Prozess dauert weiter an; totgeglaubte ideologische Methoden aus Maos Zeiten werden seit einigen Jahren wieder abgestaubt und eingesetzt (Selbstkritik und Gruppenkritik, etc.);
* Staatliche und halbstaatliche Unternehmen, oder Konglomerate von Sproesslingen aus politischen Dynastien, kontrollieren zunehmend alle Schluesselsektoren (ob Immobillien, Telekom, oder High-Tech); die Zeit der echten Unternehmer scheint vorrueber;
* Die im "Westen" trainierten Chinesen sind "Fremde im eigenen Land", und (noch?) sehr weit entfernt von den Stellhebeln der Macht; die Faeden werden gezogen von KP-Kindern der zweiten und dritten Generation, meist noch mit Narben der Kulturrevolution im Lebenslauf;
* Das Singapore-Entwicklungsmodell - von oben herab - wird sowohl auf zentraler Ebene, als auch in den meisten Provinzen, einem unternehmerischen Entwicklungsmodell klar vorgezogen (kein Wunder, da nur so Parteikontrolle sicher gewaehrleistet bleibt); eine Singapur-aehnliche "markwirtschaftliche Planwirtschaft" kann aber in einem riesigen Flaechstaat wie China mittelfristig nur scheitern;
* Die Welt-Finanz-und-Wirtschaftskrise wurde mit einem massiven Stimulus-Paket der Zentralregierung "ueberwunden". Viele der Gelder sind aber, durch ausschliessliche Kreditvergabe an grosse staatliche Unternehmen, fehlgeleitet worden -- entweder oekonomisch fehlgeleitet (unnoetige Kapazitaeten, Autobahnen ins Nichts) oder auch kriminell fehlgeleitet (private Immobilienspekulationen); die oft beschworene "bessere" Art des Stimulus - durch hoehere "Investitionen" in Bildung, Gesundheit und eine soziale Grundabsicherung - wird nicht kommen, da so die derzeitigen Nutzniesser liebgewonnene Kontrolle und Macht verlieren koennten;
* China droht steigende Inflation, zum einen durch den massiven Stimulus, zum anderen auch von aussen eingeschleppt durch den Waehrungskurs;
* Nicht nur in den Mega-Staedten, sondern auch in den Staedten zweiter und dritter Klasse hat sich eine massive Wohnimmobilienblase gebildet. Da aber die Verschuldung sich weniger bei den Endabnehmern angehaeuft hat (wie zuvor in den USA) sondern eher bei (halb-)staatlichen Immobilienentwicklern, und da auf Grund sozialer und psychologischer Faktoren die Nachfrage trotz lachhaft niedriger Mietrenditen weiterhin anhaelt, und die lokalen Regierungen und ihre Kader stark von den Immobiliengewinnen abhaengen, werden vermutlich Preise zunaechst noch weiter steigen (und somit weiterhin Gelder von der Mittelschicht von Konsum in Immobilienanlagen umgeleitet), bevor es irgendwann zu einem massiven Platzen der Blase kommt.
Fazit: Ich mache mir Sorgen, dass China wirtschaftlich in der naechsten Dekade auf ein "Lateiamerika"-Szenario zusteuert; Vetternwirtschaft, "License Raj", Partei-Kontrolle, und fehlende rechtstaatliche Mittel ueberwuchern und ersticken chinesisches Unternehmertum, Blasen platzen, das Wachstum verlangsamt sich, und Unzufriedenheit mit der neuen erblichen Ungleichheit macht sich breit.
So, jetzt ueberzeugt mich bitte, warum ich die Dinge viel zu negativ sehe!