Petermedia hat geschrieben: 02.05.2022, 11:41
otternase hat geschrieben: 30.04.2022, 20:03
TomXian hat geschrieben: 30.04.2022, 17:30
Anders als Du differenziere ich unter "China" verschiedene Dinge, etwa die Leute, meine Nachbarn und meine Familie, meine Stadt und der Parteidiktatur aus Beijing. Nur zu letzterer hat sich meine Meinung seit einigen Jahren verändert. Möglicherweise konntest Du mir hier nicht folgen.
Was schlägst du vor.
@Peter
Zunächst einmal decken sich unsere Ansichten sicher zu 90%, lediglich bei der Bewertung der "Regierung" und auch beim Vorgehen in der Viruspandemie haben wir unterschiedliche Ansichten. Manches mag auch daran liegen, dass ich tatsächlich mehr außerhalb von SHA-BJ-SZ war als innerhalb.
Die von Dir genannten Erfolgsgeschichten sind gut und schön, sind aus meiner Sicht aber nicht Ausfluss einer guten Regierungsarbeit, sondern zeugen vom Willen und dem Einfallsreichtum der Bürger.
In jeder Gesellschaft gibt es Lebensrisiken, die den Start, den weiteren Verlauf und das Ende eines Lebens deutlich beeinflussen.
Namentlich sind die Schulausbildung, Berufsausbildung, Studium, Gesundheitsversorgung, unverschuldete Arbeitslosigkeit, Altersversorgung.
Es ist auch nicht so, dass man dies in Beijing nicht wüsste.
In der chinesischen Verfassung (mir liegt die 1978er Ausgabe vor) sind
all diese Punkte verfassungsrechtlich jedem Bürger garantiert!
Einschließlich Vollbeschäftigung!
Nun ja, im selben Abschnitt ist auch die unabdingbare Meinungs- und Versammlungsfreiheit garantiert, ebenso wie die unabhängige Verwaltungsgerichtsbarkeit, die es jedem Bürger erlaubt, gegen jede staatliche Entscheidung Beschwerde und Klage zu erheben und dass eine solche Beschwerde oder Klage niemals zu einer Benachteiligung führen dürfe.
Soweit zur Theorie.
Nach alle dem, was ich selbst erfahren habe, mir zugetragen oder erzählt wurde, was ich nachlesen konnte, hat die Parteidiktatur (und ein anderes Wort kann ich nicht benutzen) all diese wichtigen Punkte stets behindert und nicht befördert.
Beispielsweise wurde erst 1987 die allgemeine Schulpflicht eingeführt, nach 21 Jahren (!), in denen viele Jahre gar kein Schulbetieb stattfand oder aber nur die politischen Eliten in Schulen und Universitäten aufgenommen wurden. Und diese Entscheidung wurde nicht etwa zum "Wohle der Nation" getroffen, sondern weil immer mehr Industriebetriebe nach Mitarbeitern verlangten, welche auch Lesen und Schreiben können.
Trotz der Einsicht Deng Xiaopings, dass sich China 1976 in einer mehr als katastropalen Lage befand, wurden auch seine Vorschläge 20 Jahre lang bekämpft und boykottiert. Die "herrschenden Familien" [sein Begriff!] wollten verhindern, dass Konkurrenten aus dem Ausland ins Land kommen ... Konkurrenten im Sinne von Arbeitgebern. Einfach ausgedrückt: Man wollte ungestört weiter zu Hungerlöhnen ausbeuten. 20 Jahre später (1996) warfen diese (zehntausenden von) Staatsbetrieben immer noch keine steuerlichen Gewinne ab, hatten aber zahllose US-Dollar Millionäre geschaffen.
Erst Jiang Zemin, der Mann aus Shanghai, [dem man das im Grunde nicht zutraut] gelang es dann, den "herrschenden Familien" klar zu machen, dass man ausländisches Kapital, ausländisches know-how, ausländische Mitarbeiter und ausländische Produktionsmittel benötigt, um in Zukunft
noch mehr Geld zu verdienen.
In der Folge fielen viele Verbote für ausländische Investoren und Betriebe [andere nennen es "Öffnung"] und das Milliardengeschäft ging los.
Der "Westen" startete das größte Ausbildungsprogramm der Menschheitsgeschichte, initiierte den größten know-how Transfer der Menschheitsgeschichte, brachte moderne Fertigungswerkzeuge und -methoden ins Land und steigerte das Lohnniveau rasant, weil zumindest zu Beginn der Arbeitsmarkt umkämpft war. Es fand also all das statt, was die Parteidiktatur über 50 Jahre lang nicht mal im Ansatz hinbekommen hatte.
In den folgenden 10 Jahren verzehnfachte sich das BIP in China und die Steuereinnahmen verdreissigfachten sich.
War es jetzt an der Zeit über Schulausbildung, Berufsausbildung, Studium, Gesundheitsversorgung, unverschuldete Arbeitslosigkeit und Altersversorgung nachzudenken? Nein.
Als Gesundheitsminister machte man sich Gedanken über den Ferrari für den Sohn [kein Scherz und belegt].
Wer Milliardär werden wollte, ging in die Politik!
Auch wenn hier andere Ausbeutungs-Schemata zum Tragen kamen.
Ich will mich hier auch nicht wiederholen.
Bis heute kostet eine gute Schulausbildung viel Geld, ein gutes und anerkanntes Studium noch mehr Geld (dafür konnte man früher eine Wohnung kaufen). Bei ernsthaften, bedrohlichen Krankheiten werden schnell 6stellige Rechnungen fällig, in den besten Krankenhäusern auch 7-stellig.
Eine Altersversorgung existiert rudimentär und unzureichend, wer arbeitslos wird bekommt nichts oder eine kurzfristige, minimale Unterstützung.
Die - in weiten Teilen sogar von DE übernommenen - Pflichtversicherungen seit etwa 2017 (?) (Gesundheit, Arbeitslosigkeit, Rente) betreffen nur (internationale) Großbetriebe und sind wiederum keine Wohltat für die Nation, sondern haben mit den Entsendegesetzen von Drittstaaten zu tun.
Sicher, wer in China jung, sehr gut ausgebildet, gesund und willens ist, eine 70-Stunden-Woche zu akzeptieren, konnte sehr gutes Geld verdienen und damit einen "westlichen" Lebensstandard finanzieren. Insbesondere Ausländer.
Für die meisten aber gilt: Wer nicht begütert ist, fällt durch alle Raster.
Und dies ist nun einmal Turbo-Kapitalismus.
Nichts für ungut und Euch allen eine schöne Woche!