Petermedia hat geschrieben: 29.04.2022, 11:45
@Asgaros
bezüglich framing stimme ich zu.
Ich bin auch wirklich verwundert wie unvorbereitet es die Stadt getroffen hat.
@TOMXIAN
Ich weiss nicht was mit die wirklich los ist.
Du liegst ja in vielen Dingen richtig, aber es sind deine Bewertungen und extrem negativen Emotionen die es schwierig machen deine beiträge zu lesen.
Du hast sicher Recht.
An Deinen Beiträgen sehe ich natürlich, dass Du Dich oft bemühst, die Dinge mit größtem Wohlwollen zu betrachten und das Gute zu unterstellen.
Dies ist nicht nur angenehm, sondern im Grunde auch mir zu eigen.
Vermutlich liegt es an meinem Beruf, dass ich diese Sichtweise - jedenfalls was den Diktator aus Beijing und seine Vasallen anbelangt - nicht mehr teilen kann.
Ich arbeite im Investmentbanking (Südost-Asien), lese also jeden Tag Unternehmensmeldungen, Bilanzen, Finanznachrichten, neue Verordnungen, neue Gesetze, diskutiere mit internationalen Großbanken, habe in einem Jahrzehnt hunderte von Leuten kommen und gehen sehen und befragt. Ich denke, in dieser Dichte erhalten nur wenige Leute Informationen über die Wirtschaftslage und Befindlichkeiten in China.
Auf der anderen Seite verfüge ich über einen sehr großen, chinesischen Bekannten- und Freundeskreis aus mehreren Städten und aus mehreren Generationen. Ich habe oft gefragt, wie es denn war in 1965? Was hat man gemacht und gedacht 1975? oder 1995? oder 2005?
Ein toller Weg dieses Land zu entdecken und am Ende - zumindest teilweise - zu verstehen.
Fügt man beides zusammen, kommt man irgendwie zwangsläufig zu der Erkenntnis, dass China spätestens seit den 80er Jahren nichts anderes war als ein übler Ausbeutungsstaat. Erst in den 2000er Jahren hatte man - für etwa 12-14 Jahre - eine Phase, in welcher sich die allgemeine Lebenssituation vieler deutlich verbesserte.
Aber auch in dieser Phase hat man sich um das Gemeinwohl nur dann gekümmert, wenn die Stimmung in der Bevölkerung zu kippen drohte.
Schließlich hatte man noch vor Augen, was passiert, wenn man gravierende Ungerechtigkeit und Unzufriedenheit zulässt.
Dann entstehen Proteste. Und die musste man 1989 im Tian’anmen-Massaker mit militärischer Gewalt niedergeschlagen.
[dies ist keine "Wertung" von mir, sondern der Titel des Wikipedia-Eintrags].
Die Gesundheitsversorgung in China ist schlecht.
Praktisch jeder Chinese erzählt und bestätigt mir dies.
Die Untersuchungen seien zwar nicht teuer, die Qualifikation der Ärzte aber wird stark angezweifelt.
Insbesondere abseits der Vorzeigestädte [1. tier] besteht praktisch kein Vertrauen in die Krankenhausstrukturen.
Seit vielen Jahren gibt es viele tätliche Übergriffe gegenüber Ärzten, etwa bei krassen Fehldiagnosen.
Seit über 20 Jahren wird von der WHO die Änderung des Besoldungssystems für Ärzte gefordert, deren Einkommen zu über 80% aus "Provisionen" besteht und dazu führt, dass provisions-orientiert Medikamente verschrieben und Operationen durchgeführt werden.
Dies kann doch niemand ernstlich abstreiten?
Einer der Stadtdirektoren des Heimatstädtchens meiner Frau (rund 300.000 Einwohner) hat mir eine Menge über die Möglichkeiten und die Finanzierung seiner Stadt erzählt. Dass es so etwas wie eine Umlagefinanzierung aus den großen Steuertöpfen überhaupt nicht gab.
Falls eine Stadt etwas benötigte, so musste dies beantragt und in einen 5-Jahresplan eingebracht werden.
Dabei waren die großen Städte an der Ostküste immer bevorzugt.
Forderten dort Industrieansiedlungen entsprechend erschlossenes Bauland, Infrastruktur wie etwa Bahnhöfe oder U-Bahnhöfe, Straßen und Wohnviertel für Mitarbeiter, blieb für die anderen Städte kaum etwas übrig.
Erst Hu Jintao habe hier eine "Quotierung" eingeführt, was dazu führte, dass das Städtchen meiner Frau "elektrifiziert" wurde und
Ende 2003 jeder Haushalt auch mit Strom versorgt wurde. Der Anschlusswert je Haushalt lag bei 500 Watt. Mehr als ein Kühlschrank und ein paar kleine Glühlampen konnten nicht betrieben werden. Wer einen Fernseher hatte, kam an die Grenze der Belastbarkeit.
Im selben Städtchen konnte erst im letzten Jahr das Projekt abgeschlossen werden, dass jeder Haushalt auch über einen
Erdgas-Anschluss verfügt (2021!). Auch im Nachbarstädtchen (700.000 Einwohner, mit Einzugsgebiet 2,5 Millionen) sei die Lage ähnlich.
Natürlich gibt es in dem Städtchen auch ein Krankenhaus.
Eines. Seit dem Jahr 2005. Einzugsgebiet 500.000 Menschen. Ausstattung Stufe 1 (von 3). Grundversorgung, einfache Eingriffe und Operationen möglich. Wer etwas "ersthaftes" hat, muss 1,5 Autostunden transportiert werden. Für große Operationen muss man in die nächste Großstadt, also 4-5 Stunden Krankentransport.
Hier wird eine signifikante Unterversorgung deutlich. Noch im Jahr 2000 hatten nur 5% der chinesischen Bevölkerung Zugang zu ärztlicher Versorgung.
Da Krankenhäuser in China als "profit center" geführt werden, ihre Kosten also selbst tragen und Gewinne abwerfen, scheitert die Planung eines neuen Krankenhauses oft an Banalitäten. Etwa, dass in der lokalen Parteiorganisation keine Ärzte eines bestimmten "Mitgliedsrangs" vorhanden sind.
Die sind aber vonnöten, da die Krankenhaus-Leitung nur von bewährten Partei-Mitgliedern übernommen werden darf, welche dann auch den AUDI A8 als Dienstwagen erhalten.
Gegenüber gewerblichen Projekten, ist ein Krankenhaus benachteiligt, so sagte mein Ansprechpartner dort.
Dies läge auch daran, dass das ausgewiesene Bauland für ein Krankenhaus einem Einheitspreis unterliege, der oft 100fach unter dem Preis liegt, der für Bauland für Wohnanlagen zu erzielen sei. Da Bauland eines der Haupteinnahmequellen einer Stadt sei, hatte man oft kein Interesse an öffentlichen Bauten wie Krankenhäusern. Ferner wurden mit dem "Erschließen und Bebauen" von solchen Grundstücken oft Unternehmen beauftragt, an denen die Stadt oder einzelne, lokale Politikgrößen beteiligt waren. Beim Bau von Krankenhäusern hingegen, wurden diese Entscheidungen auf Provinz oder Bezirksebene getroffen. Das Geld floss also in andere Taschen.
In dem genannten Städtchen dauerte es mehr als ein Jahrzehnt, bis die "Voraussetzungen" geschaffen waren.
Folglich ist doch der Grund, warum die von der WHO genannte Anzahl Krankenhausbetten in China, um das 13fache unterschritten wird, letztendlich die Gier der politischen Entscheidungsträger, die mit anderen Bauvorhaben noch deutlich reicher werden konnten.
Alles Vorgenannte hätte ich noch weit detaillierter und drastischer beschreiben können, denke aber, die grundsätzlichen Dinge wurden deutlich.
@Peter
Du hast mal in einem Deiner Beiträge geschrieben, Du seist der Überzeugung, dass das politische System in China versucht, das Leben jedes Einzelnen besser zu machen.
Unabhängig davon, dass dies auf lokaler, örtlicher Ebene sicherlich hier und da versucht wird, ist dies tatsächlich
kein globales und gelebtes Ziel der Politik.
Wie man an der Krankenhaus-Geschichte doch ablesen kann, hatte die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung keine Priorität.
Wichtiger waren die gewerblichen Projekte in den Städten im Osten des Landes. Und wenn dann doch noch ein wenig Etat übrig blieb, dann hatten die kleineren Städte auch kein Interesse, weil sich mit anderen Bauvorhaben mehr Geld verdienen ließ.
[Persönliche Wertung: Persönliche Bereicherung in größerem Umfang möglich war].
Zwar gibt es seit 2015 ein landesweites Programm, nachdem Städte gezwungen werden, doch mal ein Krankenhaus zu bauen, dies wird die Lage aber nicht wesentlich verbessern.
Objektiv gesehen, ist China seit mindestens 20 Jahren in der Lage, die medizinische Grundversorgung der Bevölkerung qualitativ und quantitativ sicherzustellen. Tut es aber nicht. Im Staatshaushalt liegen die Aufwände für Gesundheitsversorgung bei unter 5%.
Dies kann doch niemand ernstlich abstreiten?
Sicherlich, Australien [weniger Einwohner als Shanghai] oder auch Neuseeland [ein wenig mehr Einwohner als Berlin] haben auch den
Sonderweg beschritten eine ZERO COVID Strategie betrieben, als Inselstaaten (was einfacher ist). Dies war ja auch richtig, da man zu Beginn weder eine Behandlung noch Impfstoff hatte. Im
Spätsommer 2021 (mit der Corona Variante D, die ebenfalls schon ansteckender war), hat man sich dann aber umentschieden. Heute liegt die Impfquote von Australien oberhalb der EU und auch oberhalb von Deutschland.
China hält als einziger Staat an der ZERO COVID Strategie fest, weil es den Jahrhundert-Erfolg der chinesischen Propaganda aus Ende April 2020 ("Wir sind die Corona-Besieger! Wir schlagen den Westen!") um keinen Preis aus der Hand geben will.
Der Volksheld Xi Jinping darf nicht gefährdet werden.
Insoweit handelt hier China erneut gegen die Interessen seiner Bürger.
Der Helden-Status von Xi und seine Wiederwahl sind wichtiger als die Gesundheit und die Vermeidung von vielen Toten.
Dies kann doch niemand ernstlich abstreiten?
Und es geht ja noch weiter. Die "lockdown" Politik gefährdet die finanzielle Situation vieler. Ich kenne einige, die finanziell vor dem Aus stehen, weil sie seit einem Jahr in etlichen Monaten nicht arbeiten konnten und aus Beijing dafür
keine Unterstützung erhielten (gibt es eigentlich noch weitere Staaten, die ihre Bürger nicht unterstützt haben?)
Diese Politik gefährdet auch die wirtschaftliche Gesamtlage Chinas (und der Welt), die Börsen stürzen ab.
Ich könnte hier noch endlich weiterschreiben.
Deshalb meine Frage an Dich, Peter:
Würdest Du bitte kurz einmal ausführen, warum China im Grunde und im Guten alles tut, um die Gesundheitsversorgung seiner Bürger zu verbessern?
Als Zusatz möchte ich noch anfügen, dass Shanghai, Beijing oder Shenzhen nicht China repräsentieren, sondern Vorzeigestädte sind, die bestimmte Funktionen zu erfüllen haben.
Und dass meine Ansicht falsch ist, dass es in der Parteidiktatur nur um Bereicherung, Macht und Korruption geht und man
nur dann etwas für das Gemeinwesen tut, wenn die Stimmung zu kippen droht und das Ausbeutungssystem gefährdet sein könnte?
10% des heutigen Wehretats würden genügen, die wesentlichen Missstände zu beheben.
Gern lese ich Deine Argumente.