Liebes Tagebuch,
das ist zwar nicht meine Art, aber ich muss mich heute dennoch mal auskotzen.
In meinem weitesten Bekanntenkreis gibt es einen Kerl, der jetzt etwa 25 Jahre alt sein dürfte. Ich kenne ihn etwa seit seinem 16. Lebensjahr, wobei der Kontakt in den letzten 5 Jahren etwas verloren gegangen ist - wovon ich übrigens nicht abgeneigt bin.
Bereits zu Schulzeiten fiel er als eher faul, desinteressiert und sogar als Unruhestifter auf. Dementsprechend schloss er die Hauptschule mehr schlecht als recht ab.
Im Anschluss absolvierte er eine Lehre zum Elektriker, die er erneut nur mit ausreichenden Ergebnissen bestand.
Über einige Umwege fand er letztendlich über eine Zeitarbeitsfirma Anstellung in der Gießerei eines BMW-Werkes, eine Tätigkeit, die zwar Ausdauer und Muskelkraft erfordert, allerdings gänzlich ohne geistige Anstrengung ausgeführt werden kann. Nicht umsonst ist die Rate an Alkoholikern und eher zwielichtigen Gestalten in diesem Werk auffallend hoch.
Unser "Freund" hatte Glück: Der Vater eines ehemaligen Schulfreundes hat eine gehobene Position in diesem BMW-Werk inne - und verhalf ihm so zu einer Festanstellung (prozentual gesehen kommen die wenigsten über Zeitarbeit an eine Festanstellung in diesem Werk).
So weit, so gut: Er hatte eben Glück, war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Wer kann ihm das verübeln?
Aber:
Dieser Kerl hat nun ein Angebot von BMW über eine Entsendung nach China. Üppiges Gehalt (mehr als das Doppelte seines aktuellen, ohnehin hohen), Wohnung von der Firma gestellt, allerlei Zuwendungen hinsichtlich Heimflüge etc.
Er, der bereits als Minderjähriger sein Vorstrafenregister fleißig ausbaute (Diebstahl, Sachbeschädigung, etc.).
Er, der bereits ein Wochenende im Gefängnis verbringen durfte, da er einen anderen im Suff mit einer Glasflasche ins Krankenhaus geprügelt hat.
Er, der Asiaten generell als Schlitzis und Reisfresser bezeichnet, nicht eine Fremdsprache spricht (ja, an Hauptschulen kann man Englisch abwählen), kein Fünkchen interkulturelle Kompetenz oder Empathie in sich hat, dem China als Land generell auch vollkommen egal ist.
Er bekommt dieses Angebot. Ich (und viele andere) wende viel Geld, Zeit und Kraft auf, um eines Tages
vielleicht an eine solche Stelle zu kommen. Wir absolvieren anspeuchsvolle Studiengänge, machen nebenbei Sprachkurse, um uns dafür bestmöglich zu qualifizieren.
Und dann kommen Leute wie er, die in ihrem Leben bisher kaum etwas geleistet haben, kein Gramm Ehrgeiz und Wille beweisen, sich aber immer irgendwie durchgemogelt haben, und bekommen alles kiloweise in den Hintern geschoben.
Ich bemühe mich stets, keinen Neid zu zeigen und anderen (so wenig ich sie auch leiden kann) immer das Beste zu wünschen.
Aber an diesem Tag habe ich (wie wahrscheinlich noch nie zuvor) gelernt: Die Welt ist ein ungerechter Ort.
