Liberator hat geschrieben:beowulf hat geschrieben:Hier ging es ausschließlich um Politik (vom Dalai Lama wurden auch sämtliche religiösen Vorgaben grob missachtet). Das war einer der dümmsten und in der Konsequenz katastrophalsten politischen Schachzüge des Dalai Lama.
Welche religiösen Vorgaben denn?
Beim englischen Wikipedia ist die Panchen-Lama/ Dalai Lama-Problematik etwas genauer erläutert:
History of the Panchen Lama, Wikipedia hat geschrieben:
[...]
The recognition of Panchen Lamas has always been a matter involving the Dalai Lama. The 10th Panchen Lama himself declared, as cited by an official Chinese review that "according to Tibetan tradition, the confirmation of either the Dalai or Panchen must be mutually recognized."[8] The involvement of China in this affair is seen by some as a political ploy to try to gain control over the recognition of the next Dalai Lama (see below), and to strengthen their hold over the future of Tibet and its governance. China claims however, that their involvement does not break with tradition in that the final decision about the recognition of both the Dalai Lama and the Panchen Lama traditionally rested in the hands of the Chinese emperor. For instance, after 1792, the Golden Urn was thought to have been used in selecting the 10th, 11th and 12th Dalai Lamas;[9] but 14th Dalai Lama, Tenzin Gyatso has more recently explained that this was only really used in selection of the 11th.[10] A controversy existed between the Tibetan government and supporters of Chökyi Gyaltsen during the recognition of the 10th Panchen Lama.
Erstens der englische Wiki Artikel ist ein klassisches Beispiel für Edit Wars und die Grenzen von Wiki. Will Wiki jetzt nicht schlecht machen - finde es ein tolle Sache - aber bei sensiblen Themen stellt es häufig die jeweilige Mehrheitsmeinung dar, beziehungsweise die Hartnäckigkeit von diversen Pressure Groups. Und es ist glaub ich kein Einzelfall, dass ein Professor der für die Forschung eines Themas mehrere Preise gewonnen hat, die Flinte ins Korn geworfen hat weil eine Gruppe von pickeligen aber vollendsüberzeugten Teenagern halt eine diammetrale Meinung vertritt.
Tenzin Gyatso - der aktuelle Dalai Lama - wurde übrigens selbst den Ritualen unterworfen (ich benütz jetzt passiv da er ein Kind und dementsprechend selbst keine Entscheidungen diesbezüglich getroffen hat) und man hat ihn - im Einklang mit den Ritualen - von der GMD (sic!!!) anerkennen lassen, bevor er als Wiedergeburt deklariert wurde.
Die KP-Dynastie meint also, sie dürfte neben dem Dalai Lama über die Nachfolge des Panchen Lama (mit)entscheiden (bzw. direkt und mit den von ihnen bestimmten Panchen Lama indirekt über den nächsten Dalai Lama entscheiden), da die Qing-Dynastie auch darüber entscheiden hätte.
Die KP übernimmt als weltliche Regierung die Überwachung, Einhaltung und finale Bestätigung des Rituals, sowie es in der Qing Dynastie eingeführt und von der GMD weitergeführt wurde. Das macht sie aber nicht aus religiösen Gründen, genausowenig wie es die Qing oder die GMD gemacht hat, sondern aus rein politischen Gründen. Das deswegen, da die Wahl der hohen Lamas in Tibet (Theokratie) auch immer eine politische Wahl war. Die Wahl des Lamas war stets durch machtpolitische Interessen der verschiedenen politischen Parteien in Tibet (Aristokratie, Klöster) geprägt.
Da Tibet politisch auch ein Teil des chinesischen Kaiserreiches, der Republik sowie jetzt der Volksrepublik war, hat daher die Zentralregierung nachvollziehbares Interesse an der Wahl. Diese wären, dass in der Provinz keine offenen Machtkämpfe ausbrechen und den Frieden stören, sowie die Unterstreichung des chinesischen Anspruchs auf das tibetische Gebiet.
Durch die Einführung der Goldenen Urnen wurde eine Lösung gefunden, welche mit den religiösen Elementen nicht im Widerspruch stand und gleichzeitig verhinderte, dass politische Parteien ihren Favoriten (der rein aus politischen und nicht religiösen Gründen ausgewählt wurde) mit Gewalt durchsetzen konnten.
Ironischerweise kann man also durchaus sagen, dass die jeweilige chinesische Zentrale Regierung die Aufgabe übernommen hat zu überwachen, dass die religiöse Wahl eben keine politische wird.
Zu der Frage mit den religiösen Vorgaben die der Dalai Lama gebrochen hat. Der Dalai Lama spielt eine wichtige Rolle bei der Auffindung des Panchen Lamas, er bestimmt ihn aber nicht einfach und das war auch nie so vorgesehen und ist meines Wissens auch nie praktiziert wurden. Ich schiebe einmal die politischen Gründe für diese Regelung zur Seite (obwohl die absolut im Vordergrund stehen) und verweise auf diverse Reinkarnationsrituale wie das Wiedererkennen von Gegenständen. Der Dalai Lama kann ja nicht bestimmen ob jetzt ein Kind einen Gegenstand wiedererkennt oder nicht.
Wohlgemerkt, er ist kein Papst und nicht der absolute Vertreter Gottes Willen auf Erden. Was der Papst ja auch nie war, nicht umsonst gibt es eine Papst Wahl und der Papst konnte daher nicht z.B. seinen Sohn als neuen Papst installieren. Wem das jetzt zu Grotesk klingt, der soll sich mal die päpstliche Geschichte näher anschauen. Empfehle das 15. und 16 Jahrhundert zum Einstieg. Aber hier betreten wir eben wieder den Bereich der Politik.
Was damals bei der Wahl des Panchen Lamas abgelaufen ist, lässt sich vielleicht so kurz darstellen.
1. Der Panchen Lama stirbt.
2. Tibetische Suchkomission beginnt ihre Arbeit, braucht aber dazu mehrer Lamas (unter anderem Dalai Lama) dazu und kontaktiert die KP.
3. KP billigt ausdrücklich den Kontakt zu den Exiltibetern und erhofft sich eine Annäherung um den Konfliktherd Tibet zu entschärfen.
4. Exiltibeter willigen ebenfalls ein und die Suche beginnt
5. Mehrere Kandidaten werden gefunden, Leiter der Suchkomission kontaktiert den Dalai Lama zuerst.
6. Dieser bestimmt eigenmächtig den Nachfolger um dadurch das Ritual der goldenen Urne zu vermeiden und folglich damit einen Herrschaftsanspruch von China zu entkräftigen. (Im übrigen sagt das wiedereinmal sehr viel aus, was der Dalai Lama von seinem offiziel deklarierten "Mittelweg" - Tibet ein Teil von China, aber autonom - wirklich hält.)
7. Die KP erkennt die Einseitige Wahl durch den Dalai Lama nicht an und lässt wie üblich die Zeremonie der Goldenen Urne durchführen.
Unterm Strich, die KP wollte den Dalai Lama ins Boot zurückholen und der Dalai Lama hat dies ausgeschlagen, weil er damals (Zusammenbruch der Sovietunion) von einem baldigen Zusammenbruch der Volksrepublik überzeugt war und seit dem Esoterik Boom der 80iger Jahre auf einen Beliebtheitshoch (die deutsche Petra Kelly spielte hier eine wichtige Rolle) in der westlichen Welt war.
Nun, wie die Geschichte gezeigt hat, ist er falsch gelegen. Die Volksrepublik ist nicht zusammengebrochen, sondern zu einem Global Player mutiert. Der Dalai Lama gilt seit dieser Aktion für die KP als absolut nicht mehr vertrauenswürdig (die vorigen Konflikte hätte man noch unter "politische Umstimmigkeiten" wegen der Maoistischen Politik abtun können. Es sind ja einige "Feinde" Maos wie zum Beispiel Deng Xiaoping rehabiliert worden

) und die Gräben sind spätestens seitdem unüberbrückbar.
Vielleicht ist jetzt nachvollziehbar, warum ich die damalige Entscheidung als eine der schlechtesten und katastrophalsten politischen Schachzüge des Dalai Lama auffasse.