Andreas_M hat geschrieben:zudem halte ich die Frage für interessant, inwiefern sich der Chinesische Verhandlungsstil ( auch die 36 Strategeme) mit Guanxi überhaupt vereinen lässt.Durch das "linken" meines geschäftspartners würde ich schließlich nie in solch ein Netzwerk gelangen. Oderkann es auch sein, dass das "näher kennen lernen " (Essen etc.) , genutzt wird um zu schauen, inwiefern ich beim "linken" meines Partners einen Schaden im Guanxi bekommen könnte ?
Ich kann dir nur den Rat geben, schmeiss die 36 Stategeme in die Mülltonne. Ich schätze einmal du hast die Bücher von Harro von Senger. Falls du es nicht wegschmeissen willst, liess dir die Bücher einmal "richtig"* durch.
Du benützt westliche Schablonen und versuchst dadurch China zu verstehen. Damit scheiterst du selbstverständlich auf ganzer Linie. Will dir hier nichts vorwerfen, als ich angefangen habe mich mit China zu beschäftigen habe ich genau den gleichen Fehler gemacht. Je länger und intensiver die Beschäftigung und vor allem der Kontakt mit Chinesen war, desto mehr hab ich gemerkt, dass ich mein durch (oft sehr schlechte) Literatur erworbenes Wissen über das chinesische Denken komplett falsch war. z.B. Kollektivismus und Hierarchie. Als ich als sehr individueller und autoritätsfeindlicher Teenager (zumindest bildete ich mir ein, dass ich so wäre) das erste mal nach China kam und Literatur über das Land verschlang, dachte ich mir wortwörtlich "Na Super, wo bin ich da jetzt reingeraten". Inzwischen weiß ich, dass Kollektivismus in China etwas ganz anderes bedeutet als unsere westliche Interpretation und ganz anders gelebt wird. Eigentlich wusste ich damals nicht einmal was Kollektivismus bedeutet - war halt etwas schlechtes, weil "Individualismus" ja etwas tolles und gutes ist.
Das gleiche gilt für Hierarchie.
Ich kann dir ein paar Bücher empfehlen, die relativ gut sind und dir den Start erleichtern. Aber aus Büchern heraus, wirst du Chinesen nicht verstehen können. Die Realität ist einfach viel zu komplex um sie auf Papier bannen zu können.
In dem Versuch das ganze ein weniger deutlicher zu machen, erzähle ich dir hier kurz eine Geschichte aus den drei Reichen.
Zum Zeitpunkt der Geschichte, gab es noch nicht die drei Reiche, aber drei militärische Führer die um den Kaiserthron kämpften. Der stärkste von diesen war Cao Cao. Danach kam Sun Quan und zuletzt Liu Bei dessen Armee stark geschwächt war. Sun Quan und Liu Bei schlossen ihre Kräfte kurzfristig zusammen um den Angriff Cao Caos zurückschlagen zu können. Cao Cao floh dann mit dem Rest seiner Truppen nach Norden. Liu Bei wollte diese Chance natürlich nützen und den Erzfeind Cao Cao vernichten. Der Berater von Liu Bei, Zhuge Liang (das ist der "Großmeister" schlechthin bezüglich Listen und Strategeme in der chinesischen Kultur, aber er ist eben keine heimtückische oder durchtriebene Gestalt, sondern eine absolut positive Figur) drängte Liu Bei, dass er für diese Aufgabe seinen General und Schwurbruder GuanYu losschickte. Der General GuanYu kämpfte früher eine kurze Zeit über für Cao Cao. In dieser Zeit behandelte CaoCao GuanYu aber sehr gut. Obwohl GuanYu den machtgierigen CaoCao verabscheut und er im direkten Befehl seines Herrn und guten Freund Liu Beis handelt, lässt er ihn aber laufen. Warum? Weil er in CaoCaos Schuld stand, da dieser ihn Gut behandelte (Renqing - "menschlichkeit" die Grundlage für Guanxi, eine art chinesische Form der Reziprozität). Zhuge Liang, der Listenkönig, wusste von der Schuld in der GuanYu gegenüber CaoCao stand und sah vorraus, dass Guanyu diesen laufen lassen würde. Warum "linkte" er seinen Herrn? Weil er genau wusste, dass sobald CaoCao vernichtet ist, Sunquan über Liu Bei herfallen würde. Auf diese Art und Weise ermöglichte er dem geschwächten Feind CaoCao die Flucht und schuf drei gleich starke Kräfte, welche die drei Reiche bildeten und rettete seinen Herrn.
Hier haben wir die klare Anwendung von List, durch einen Listenmeister. Von "linken" oder unethischen Verhalten ist das ganze aber meilenwert entfernt.
*
http://www.3sat.de/dynamic/sitegen/bin/ ... index.html
"Seit dem Sündenfall betrachten Christen die List sofort ethisch, also wertend, und beginnen dann über gut und böse zu reden. Doch riet bereits Jesus in Matthäus 10,16: "Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben". List und Tugend lassen sich also durchaus vereinbaren. Ethisch fragwürdig kann das Ziel einer List sein, aber nicht die angewendete List selbst. Den Schweizer Sinologen Harro von Senger interessiert deshalb die List-Technik, die in China wertfrei als Ressource im Umgang mit schwierigen Situationen aller Art betrachtet wird. "